Weltklasse 2010: Potsdam als Vorbild in Sachen Perfektion
4 Uhr heute morgen: Der Mannschaftsbus des dänischen Frauenfußball-Meisters Fortuna Hjørring erreicht nach gut zehnstündigen Busfahrt die Heimat. 5 Uhr 45 Uhr: Als letztes Team der ausländischen Teilnehmer am Hallenturnier "Weltklasse 2010" in Bielefeld-Jöllenbeck kommen die Schwedinnen von Kristianstads DFF zu Hause an. 7 Uhr 30: Die dänische Nationalspielerin Janne Madsen sitzt an ihrem Arbeitsplatz in einem Autohaus von Hjørring. Alltag im internationalen Frauenfußball. Nach zwei Tagen Hochleistungssport im Ausland und insgesamt fast einem kompletten weiteren Tag im Bus. Und mit der Erkenntnis, dass der Aufwand für den Fußball noch größer werden muss, will man mit der Entwicklung des internationalen Frauenfußballs mithalten.
Vergleiche mit kriegerischen oder mit Gewalt verbundenen Vokabeln hört man in Deutschland nicht gerne. Schon gar nicht, wenn es um Sport geht. "Bomber" Müller würde heute keiner mehr so nennen, eine Spielerin als "Granate" zu bezeichnen, kommt nur noch wenigen über die Lippen, nur der Schuss wird wohl ewig ein Schuss bleiben, mangels Alternativen und aufgrund der engen funktionellen und optischen Verwandtschaft zum nichtsportlichen Ursprung.
Als beim Jöllenbecker Hallenturnier der Trainer des tschechischen Meisters Sparta Prag, Du?an ?ovinec, nach der 0:6-Halbfinal-Niederlage seines Teams gegen Turbine Potsdam vom "altbekannten deutschen Panzer" sprach, da meinte er das keineswegs negativ, sondern eher bewundernd. Eine Metapher aufgreifend, die im Ausland nach wie vor ein feststehender Begriff ist, wenn es darum geht, deutsche Fußballkunst in Worte zu fassen. Schon 1980, beim Titelgewinn der deutschen Männer bei der Europameisterschaft in Italien, prangten auf den Titelblättern der dortigen Fachzeitschriften Überschriften, in denen von den "deutschen Panzern" und insbesondere einem "Panzer Schuster" die Rede war.
Es war also ein Ausdruck des Respekts und des Vorbildcharakters der Deutschen. Denn die Art und Weise, wie die Spielerinnen des 1. FFC Turbine Potsdam diese zwei Tage bestritten, war mehr als beeindruckend. Schier unbesiegbar, auf jede Herausforderung mit einer noch besseren Antwort reagierend. Kann man eigentlich in der Halle überhaupt besser spielen? Das fragten sich viele. Acht Partien in zwei Tagen mit voller Konzentration, ohne Schwächephase, mit hohem Tempo, Kraft, Ehrgeiz, Pressing, Lauern auf jeden kleinen Fehler des Gegners und dem gnadenlosen Ausnutzen nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit. Gibt es da noch etwas auszusetzen?
Ja, gibt es. Zumndest wenn man Bernd Schröder heißt und der Trainer dieser Mannschaft ist. Denn eigentlich möchte er in der Halle ganz anderes sehen: Mehr Kombinationen, mehr technische Feinheiten. "Es gibt auch nicht mehr diese dominierenden Spielerpersönlichkeiten", stellte er fest. Um sich kurz darauf aber fast schon wieder zu korrigieren. "Die Entwicklung geht hin zu mehr körperlichem Spiel." Und das nicht nur in Deutschland. Denn Hacke-Spitze-Übersteiger-Situationen benötigen als Voraussetzung nicht nur die individuellen Fähigkeiten der Ausführenden, sondern dazu noch einen Gegner, der das zulässt. Doch selbst die beiden dänischen Vereine aus Brøndby und Hjørring, die vor dem Spiel um Platz sieben noch völlig punktlos waren, ließen sich nicht einfach so vorführen, sondern spielten auch ihrerseits nach vorne und setzten auf aggressive Deckung. Und wohl kein Team hatte soviele schönste Nicht-Tore zu verzeichnen wie Fortuna. So dass die Zuschauer, selbst als schon das Spiel "gegen den letzten Platz" auf dem Programm stand, gar nicht den subjektiven Eindruck hatten, als habe man es hier wirklich mit zwei Nullen zu tun.
Gleichwohl waren die beiden dänischen Vertreter die Enttäuschungen des Turniers. Da zeigte sich, dass es ohne die derzeit bei einem Trainingslager in Chile weilenden Nationalspielern nicht mehr reicht, um mit der europäischen Spitze mitzuhalten. "Aber das war nicht der einzige Grund", gab Fortuna-Trainer Flemming Nielsen offen zu, "wir haben auch viel zu schlecht gespielt." Seine Spielerinnen wie etwa Südafrikas Portia Modise oder Janne Madsen beschäftigten sich gedanklich noch lange mit dem Turnier und dem eigenen Abschneiden, für das sie sich schon ein wenig schämten.
Das seit mehr als 30 Jahren ausgetragene Hallenturnier ist, sportlich gesehen, nur ein Hallenturnier. Mit anderer Besetzung, anderen Regeln und anderen äußeren Bedingungen als Freiluftspiele. Und dennoch sind Hallenturniere auf diesem Niveau gerade bei den Frauen ein Fingerzeig für Entwicklungen und den zu erwartenden Freiluftsaisonverlauf, das hat sich in den vergangenen Jahren in Jöllenbeck immer wieder gezeigt. Und so waren auch diesmal wieder einige Erkenntnisse zu gewinnen:
1. Dass Sparta Prag international weiter aufgeholt hat, an Qualität und Selbstbewusstsein gewonnen. Das Team trat in Jöllenbeck zunächst ein wenig holprig, aber kämpferisch stark auf, setzte gleich im Eröffnungsspiel gegen den UEFA-Cup-Sieger Duisburg mit einem 0:0 ein Ausrufezeichen und spielte danach frisch nach vorn, auf Sieg, und nicht wie früher zunächst auf Schadensbegrenzung. "Das liegt auch daran, dass wir bei Sparta inzwischen eine Fußball-Akademie haben, bei der auch die Mädchen geschult werden und bei den Jungs mitspielen", so Trainer Du?an ?ovinec.
2. Dass der Herforder SV gereift ist, als Zweitligist ein bessere Figur abgab als noch im Vorjahr als Erstligist, kompakter geworden ist, physisch stärker und dadurch auch mit mehr Möglichkeiten, selbst die Initiative zu ergreifen. Was erahnen lässt, dass eine zweite Erstliga-Saison, wie sie vom Sommer an nach jetzigem Tabellenstand zu erwarten ist, erfolgreicher verlaufen dürfte als die erste.
3. Dass der SC 07 Bad Neuenahr wieder Anschluss gefunden hat an die Top-Teams der Bundesliga, dass es ihm aber - noch - an dem letzten Tick Physis und Erfahrung fehlt, um über zwei Tage auf allerhöchstem Niveau mitzuhalten. Denn nach dem Samstag sah es noch so aus, als würden sich Neuenahr udn Duisburg um den Gruppensieg streiten, als sie mit 9 bzw. 10 Punkten vorne lagen, Sparta mit 4 abgeschlagen schien. Doch am Sonntagmorgen wendete sich das Blatt, und Sparta überholte tatsächlich noch den SC 07.
4. Dass der schwedische Vertreter Kristianstads DFF wie vom Veranstalter erhofft wesentlich stärker war als es der zehnte Tabellenplatz nach Abschluss der Saison vermuten lassen könnte. Weil erst in der Rückrunde das System der isländischen Erfolgstrainerin Elisabet Gunnarsdóttir griff und der Verein gerade in den Isländerinnen Margrét Lára Viðarsdóttir und Guðný Björk Oðinsdóttir zwei absolute Klassespielerinnen verfügt, die alles mitbringen, was man zum Erfolg in der Halle braucht und die dem Team auch draußen weiterhelfen werden. Vor allem Viðarsdóttir, die nach überstandener Verletzung mehrere Kilogramm abgenommen hat und trotz mehrwöchiger Trainingspause fitter war als in der ganzen vergangenen Saison. Dabei war ihr Einsatz in Jöllenbeck zunächst noch fraglich. Noch im Dezember drohte ihr ein operativer Eingriff am Knie. Und weil sie seit langem nicht mehr trainiert hatte, ging sie das Turnier erst vorsichtig an und den Zweikämpfen aus dem Weg. "Aber am zweiten war sie wieder ganz die Alte, da konnte man sie nicht mehr stoppen", registrierte ihre Trainerin mit Anerkennung und auch ein wenig Unbehagen, weil Margrét sich ja wieder hätte verletzen können. Im vergangenen Jahr war Jöllenbeck für den schwedischen Klub Kopparbergs/Göteborg FC der Auftakt des sportlichen erfolgreichsten Jahres, und auch Kristianstads DFF hat allen Grund, optimistisch in die neue Allsvenska-Saison zu gehen.
5. Dass Turbine Potsdam mit seinen fünf Europameisterinnen und bis hin zur einer Jugendspielerin wie Kristin Demann auch so früh im Jahr schon über dermaßen herausragende körperliche Werte und Motivation verfügt, dass er nicht nur für das Hallenpokal-Turnier in einer Woche, sondern auch für die Titeljagd in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League als Topfavorit gilt. Und mit seinem Auftreten Vorbildfunktion für alle beteiligten Mannschaften übernahm.
6. Dass der FCR 2001 Duisburg ohne Inka Grings (Promi-Challenge in Kanada), Linda Bresonik (Prellung nach Treppensturz), Annike Krahn (leichte Knieprobleme) und Ursula Holl (freigestellt) zwar ebenfalls noch auf hohem Niveau agierte, aber im Gegensatz zu Potsdam die eine oder andere Schwäche zeigte, an der es weiter zu arbeiten gilt und die im weiteren Saisonverlauf die Nuance ausmachen könnte, die zugunsten eines Gegners sprechen könnte.
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Bundesliga Frauen
| 1. | FCR 2001 Duisburg | 14 | 47 | : | 10 | 36 |
| 2. | Turbine Potsdam | 13 | 52 | : | 9 | 35 |
| 3. | 1. FFC Frankfurt | 12 | 41 | : | 21 | 24 |
| 4. | Bayern München | 13 | 27 | : | 25 | 23 |
| 5. | SC 07 Bad Neuenahr | 13 | 24 | : | 22 | 22 |
| 6. | FF USV Jena | 13 | 21 | : | 31 | 16 |
| 7. | VfL Wolfsburg | 11 | 21 | : | 16 | 15 |
| 8. | Hamburger SV | 12 | 14 | : | 29 | 14 |
| 9. | SG Essen-Schönebeck | 14 | 21 | : | 40 | 13 |
| 10. | 1. FC Saarbrücken | 12 | 19 | : | 35 | 9 |
| 11. | Tennis Borussia Berlin | 13 | 13 | : | 33 | 6 |
| 12. | SC Freiburg | 14 | 8 | : | 37 | 6 |









































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